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Interview

Eine steile Berg- und Talfahrt

23. September 2020

Seine steile Karriere führte Franz H. von Wien nach Russland, China und Deutschland, bevor er arbeits-, mittel- und obdachlos am Wiener Hauptbahnhof aufschlug. Heute wohnt er in einer Wohnung, arbeitet bei Obdach Wien und ist glücklicher denn je.

Wie kam es dazu, dass du auf einer Bank vor dem Hauptbahnhof gelandet bist?

Jahrelang habe ich auf der ganzen Welt gearbeitet, als Versicherungs- und Handelsvertreter, Manager, Fabrikant und Reisebüroleiter. Aber ich war auch jahrelang spielsüchtig. Irgendwann wurden der Stress im Job, der Druck des Spielens und damit auch die Schulden zu groß. Psychisch wie physisch völlig entkräftet, habe ich mein letztes Geld genommen und bin zurück nach Wien gefahren. Durch die Zeit im Ausland und meine Spielsucht habe ich mich schon vor langer Zeit von Freunden und Familie abgewendet, konnte also nirgendwo hin. Also schlief ich einige Nächte vor dem Bahnhof. Wobei schlafen der falsche Ausdruck ist, ich habe höchstens gedöst, so richtig macht man in so einer Situation kein Auge zu.

Wie ging es dann weiter?

Viele Begegnungen genau im richtigen Moment haben mir geholfen. Am Bahnhof hat mich ein obdachloser Mann um eine Zigarette gebeten. Beim Plaudern habe ich zugegeben, dass ich gerade auch obdachlos bin. Er hat mir ein Tageszentrum für obdachlose Menschen empfohlen. Erst Tage später habe ich meine Angst überwunden und endgültig zugegeben: „Ich bin obdachlos und brauche Hilfe.“ Da hatte ich schon zwei Tage nichts mehr gegessen. Ab dann ging es bergauf. Ich wurde gut betreut und bekam einen Notschlafplatz. Nach einer erholsamen Nacht und einer Dusche habe ich am nächsten Tag sofort alle Amtswege erledigt und mich bei der Spielsuchthilfe gemeldet. Nach einiger Zeit in der Notschlafstelle konnte ich ins Obdach Siemensstraße ziehen. Seit 1,5 Jahren wohne ich nun bereits in meiner eigenen Wohnung. Ich habe meine Probleme überwunden und mit Unterstützung wieder in ein normales Leben gefunden.

Wie war der Einzug in deine eigene Wohnung?

Das Gefühl, eine Wohnung zu haben, wo du die Türen hinter dir zumachen kannst, ein eigenes Bad, WC und eine Küche hast, das war unbeschreiblich. Ich habe mir gedacht: „Jetzt bin ich angekommen, das gebe ich nicht mehr auf!“ Aus der Wohnung wurde mein Zuhause, Fotos hängen an der Wand, ich koche, höre Musik und lese viel, auch auf Englisch und Russisch. Jeden Morgen sehe ich mir den Sonnenaufgang an, trinke Kaffee und genieße den Moment.

Wie sieht dein Alltag heute aus?

Durch einen weiteren Tipp wurde ich auf den Peer-Lehrgang für ehemals obdachlose Menschen aufmerksam und habe ihn absolviert. Mein Praktikum habe ich bei Forum Obdach Wien gemacht und dort z.B. die Kochgruppe gegründet. Danach war klar: Bei Obdach Wien will ich arbeiten! Der Moment, in dem ich den Arbeitsvertrag unterschrieben habe, war emotional wirklich bewegend. Noch dazu einen Tag vor meinem Geburtstag! Heute gebe ich als Experte meine Lebenserfahrung und mein Wissen an akut obdach- oder wohnungslose Menschen weiter, um sie zu unterstützen. Das heißt, ich zeige ihnen Wege aus der Obdach- und Wohnungslosigkeit auf, lade sie zu Forum Obdach Wien ein, damit sie Gleichgesinnte kennenlernen, Selbstbewusstsein und Motivation finden. Oft höre ich einfach zu oder führe Gespräche. Oder ich besuche jene, die gerade wieder in eine Wohnung gezogen sind und begleite sie auf dem Weg in den neuen Alltag.

Das Knüpfen von Kontakten und Herstellen von Vertrauen geht für mich leicht, denn ich kann ehrlich sagen: „Wir teilen diese Erfahrung und ich verstehe die Situation, in der du dich befindest.“ Früher habe ich dafür gearbeitet, von meinen KundInnen Geld zu bekommen. Heute arbeite ich, um etwas zu geben. Das ist ganz etwas Anderes!

Sebastian Erlach

„Peers sind ehemals obdach- oder wohnungslose Menschen, die ihre Erfahrung und ihr Wissen weitergeben. Ihre Expertise ist ein großer Gewinn für die Weiterentwicklung der Hilfsangebote. Gemeinsam mit SozialarbeiterInnen unterstützen Peers Menschen in schwierigen Situationen, bauen Brücken zu obdach- und wohnungslosen Menschen und zeigen uns und ihnen neue Wege auf.“

Sebastian Erlach, Sozialarbeiter

Wie geht es dir heute?

Ich bin so glücklich wie nie zuvor. Meine Arbeit motiviert mich, ich bin dank der Therapie spielfrei. Ein Pokerface und mich von Freunden und Familie abgrenzen will ich nicht mehr. Ich erzähle meine wahre Geschichte, habe daher neue Freunde und wieder Kontakt zu meiner Familie. Heute weiß ich: Glück hat nichts mit Karriere oder Geld zu tun. Glück findet man in guten Gesprächen und einer sinnvollen Aufgabe!

Was ist deine Botschaft an andere, die in einer schwierigen Situation stecken?

Egal, wie intelligent man ist oder wie viel Geld man verdient, Jede und Jeder kann obdachlos werden. Egal, ob man durch Eigen- oder Fremdverschulden, den Verlust der Arbeit, lange Krankheit oder Beziehungsprobleme obdachlos wird, niemand muss sich dafür schämen. Schämen muss man sich nur, wenn man nicht versucht, daran etwas zu ändern. Es gibt genug Unterstützungsangebote, man muss die helfende Hand nur nehmen. Ich bin dankbar für die Hilfe, die ich auf meinem Weg zurück bekommen habe und darüber, jetzt anderen zu helfen.

Über Forum Obdach Wien

In wöchentlichen Organisationstreffen findet Austausch statt und gemeinsame Aktivitäten wie Ausflüge, Musizieren, Kochen und vieles mehr werden geplant und durchgeführt. Bei Forum Obdach Wien gibt es Raum für die Anliegen und Ideen von ehemals wohnungslosen Menschen. SozialarbeiterInnen unterstützen, wenn notwendig, die Initiativen.