02. April 2026
Das Stück „Stadt ohne Dach“, das Mitte April im Obdach Forum Premiere feiert, öffnet Einblicke in Lebensrealitäten obdach- und wohnungsloser Menschen, die sonst selten sichtbar werden. Regisseurin Greta Calinescu und Volkstheater-Schauspieler Maximilian Pulst arbeiten gemeinsam mit Teilnehmer:innen von Obdach Forum an einer Produktion, die nicht auf einer Bühne beginnt – sondern im gelebten Alltag.
Im schwarzen Probenraum des Wiener Volkstheaters hängt der Duft von Kaffee in der Luft, vermischt mit gedämpften Stimmen. Menschen treten ein, begrüßen sich, setzen sich an den großen Tisch. Zwischen Tassen, Snacks und Textheften passiert konzentriertes, lebendiges Arbeiten. An der Wand lehnt der Schriftzug „Stadt ohne Dach“ - rosa auf schwarz. Die Produktion lässt hinter die Kulissen blicken, hinter Routinen, hinein in Räume der Stadt, die selten wahrgenommen werden. „Wir bleiben nicht hinter der Fassade des Volkstheaters“, sagt Ensemblemitglied Max Pulst. „Wir gehen raus. In die Bezirke. In die Lebensrealität der Menschen, die weniger sichtbar sind.“
Die "Stadt ohne Dach"-Probe beginnt mit Ankommen, Kaffee und guter Stimmung.
„Stadt ohne Dach“
Gemeinsam mit einem Chor von (ehemals) obdach- und wohnungslosen Menschen untersucht das Projekt "Stadt ohne Dach", wie Wien jenen begegnet, die kein Zuhause haben. Eine Tour durch Mariahilf führt zu Schauplätzen gelebter Erfahrungen. Die anschließende Performance im Obdach Forum misst die soziale Temperatur der Stadt. Regisseurin Greta Calinescu weiß: „Wien ist ein Leuchtturm in Europa. Hier haben Menschen ohne Obdach eine Chance.“ In „Stadt ohne Dach“ spielt Max Pulst die Behörde, die Stadt, das System. Ein System, das Unterstützung verspricht - aber nur funktioniert, wenn es den hier vom Chor repräsentierten Menschen im Blick behält.
Es geht um Obdach in der Stadt.
„Es macht Spaß – und es macht etwas mit mir.“
Sonia B. lächelt, sobald sie über die Proben spricht. Sie ist seit Jahren mit Obdach Forum verbunden - von der Zeit im stationär betreuten Wohnen bis hin zu ihrer eigenen Wohnung. Kurse, Austausch, Vernetzung: Für sie bleibt die Einrichtung ein sicherer Ankerpunkt. Gerhard P., Mitglied der Theater- und Musikgruppe des Forums, ist auch dabei. Er spielt seit zwanzig Jahren Schlagzeug, träumt von Konzerten mit Mitteilnehmer:innen – doch jetzt steht das Theater im Mittelpunkt. „Ich gehe selten aus mir heraus“, sagt er. „Auf der Bühne darf man das. Man soll es sogar. Und das verändert einen. Man lernt sich selbst anders kennen.“
Viel Motivation auf engem Raum im Tonstudio des Wiener Volkstheaters.
Im Tonstudio: Stille und viel Lachen
Nach der Textbesprechung geht es ins Tonstudio. Hier werden einige Textpassagen aufgenommen, die bei den Vorführungen eingespielt werden. Der enge Raum, voll mit Kabeln, Mischpulten und Mikrofonstativen, zwingt zur Stille. Jede Bewegung wird hörbar, jedes Rascheln könnte eine Aufnahme ruinieren. Also wird geschwiegen. Konzentriert. Nur in den Pausen wird gelacht. Und die Performance gelobt: Sonia B. spricht denselben Satz drei Mal ein: erklärend, anklagend, sarkastisch. Drei Farben, drei Geschichten. Danach lacht sie erleichtert, mit glänzenden Augen. Bald wird sie auf einer Bühne stehen. Und sie weiß: Sie darf das. Sie kann das.
Sonia B. auf der Bühne des Wiener Volkstheaters.
Ein Moment auf der großen Bühne
In der Pause führt Max Pulst die Gruppe in die große Halle des Volkstheaters. Die Bühne wirkt riesig, beinahe dunkel – selbst unter dem gleißenden Scheinwerferlicht, das von der hohen Decke fällt. Sonia B. tritt an die Rampe und blickt in die leeren Reihen. „Und wenn das Haus voll wäre? Könntest du deinen Text?“, fragt jemand. Sie braucht keine Sekunde. „Mit unserer Regisseurin – und mit Max – auf jeden Fall!“ Gerhard P. entdeckt unter den Requisiten ein hochwertiges Schlagzeug, bleibt stehen, posiert, lacht: „Das hier mal auszuprobieren… das wäre was.“
Gerhard P. mit findet sein Lieblingsinstrument in den Requisiten auf der Bühne.
Rauhe Stimmen, klare Botschaft
Stunden später sind alle Aufnahmen im Kasten. Die Stimmen rau vom Sprechen, die Luft im Studio trocken – aber die Stimmung warm und gelöst. Draußen, im feinen Aprilregen, entsteht noch ein Gruppenbild. Bald gehen alle ihrer Wege, zurück in den Alltag, zurück in ein Zuhause – eines, das viele erst seit kurzer Zeit wieder haben.
„Stadt ohne Dach“ ist ein Stück – aber auch ein Statement. Eine Einladung, anders hinzusehen. Und eine Bühne, die Menschen eine Stimme gibt, deren Stimmen sonst zu selten gehört werden.
Regisseurin Greta Calinescu (l.u.) und Volkstheater-Schauspieler Maximilian Pulst (2.v.l.o.) mit Teilnehmer:innen von Obdach Forum nach der Probe.
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