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Interview

Kunsttherapeutin im Tageszentrum Obdach Ester ​

29. Januar 2020

Seit August ist ein Mal pro Monat Malnachmittag im Tageszentrum Obdach Ester, in dem sich wohnungs- und obdachlose Frauen tagsüber aufhalten und beraten lassen können. Neben den Angeboten wie Essen, Duschmöglichkeiten, einem Wohnzimmer und einem Ruheraum, Waschmaschinen und Beratung durch das Obdach Wien Team, gibt es auch Aktivitäten, die spielerisch Abwechslung in den Alltag bringen.

Es ist Nachmittag im Tageszentrum Obdach Ester, Katharina richtet die Tische her. Acrylfarben, Kohle, Blöcke, Pinsel und alles, was das Künstlerherz höher schlagen lässt, breitet sie aus. Kaum ist sie fertig, sind alle Plätze rund um den Tisch besetzt. Ein zweiter Tisch wird dazu genommen. Viele Frauen freuen sich schon lange auf den Malnachmittag und wollen mitmachen.

Katharina, du bist Kunsttherapeutin. Was bedeutet das?

Ich ermögliche das Gestalten von Bildern. Kunst kann helfen Probleme zu bewältigen. Papier ist sehr geduldig. Über das Bild komme ich dann ins Gespräch. Ein Bild sagt viel aus, denn die Seele spricht in Bildern. Der Prozess des Gestaltens alleine kann schon eine beruhigende, erholsame und heilende Wirkung haben. Man kreiert etwas, drückt sich aus. Das mache ich in meiner Praxis und mit den Frauen hier im Obdach Ester. Wenn sie über ihr Bild reden wollen, sprechen wir miteinander. So habe ich schon viele Lebensgeschichten der Frauen gehört.

Wie kamst du als Freiwillige zu Obdach Wien?

Auf Facebook habe ich einen Aufruf gesehen, dass Kreative gesucht werden, mich gleich angesprochen gefühlt und beworben. Vorher hatte ich nie mit wohnungs- oder obdachlosen Frauen Kontakt. Diese neue Begegnung und auch die Arbeit in der Gruppe, haben mich neugierig gemacht. Es ist ein Kontrast zu meinen üblichen Einzelsitzungen in meiner Praxis. Hier sitzen wir mitten im Tageszentrum. Es ist ein lockeres Kommen und Gehen. Es herrscht eine ganz andere Atmosphäre.

Wie ist so ein Malnachmittag im Tageszentrum Obdach Ester?

Unheimlich bereichernd und überraschend! Viele der Frauen sind sehr kreativ. Sie kennen sich wirklich aus mit den Materialien. Offenbar waren einige auch schon früher kreativ tätig. Das ist offensichtlich auf dem Weg verloren gegangen. Ich bin froh, ihnen die Tür zur Kreativität wieder zu öffnen.

Oft haben die Frauen keine Möglichkeit, sich ein oder zwei Stunden dem Zeichen zu widmen. Doch jeder Mensch sollte manchmal aus dem Alltag aussteigen. Die Malnachmittage vergehen wie im Flug, denn es wird getratscht, gemalt und gemeinsam Energie getankt. Die Frauen freuen sich enorm über die Malnachmittage und bedanken sich ganz oft bei mir.

Überrascht hat mich außerdem der häufige Wunsch nach sehr kleinem Papier! Aber es macht Sinn, denn wohnungslose und obdachlose Frauen können wenig Hab und Gut mittragen. Alles was groß ist, ist unpraktisch. Solche Aspekte sind mir erst nach dem ersten Mal klar geworden – also hab ich heute viel mehr kleineres Papier mit.

Was nimmst du mit von den Nachmittagen im Tageszentrum Obdach Ester?

Mich berührt, wie einfach es ist, jemanden glücklich zu machen. Es ist wirklich einfach! Es ist Zeit, in der wir alle gemeinsam sitzen und malen. Zeit, nach der die Frauen ein bisschen glücklicher weggehen, als sie vorher waren. Das ist es absolut wert. Das gibt mir so viel zurück, damit hab ich ja zu Beginn gar nicht gerechnet, dass da so eine Dynamik entsteht. Es macht mir eine Riesenfreude.

Über das Obdach Ester

365 Tage im Jahr können wohnungs- und obdachlose Frauen im Obdach Ester duschen, Wäsche waschen, sich ausruhen, etwas essen oder sich Unterstützung vom Team holen, gratis und ohne Anmeldung. Mehr über Katharina Stelzer finden Sie hier.