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Interview

„Ich gebe jeden Tag mein Bestes“

16. Juni 2020

Mit einem Lächeln bittet Mortesa in das Besprechungszimmer des Reparaturbetriebs, in dem er seine Lehre macht. Im Interview erzählt der 25-Jährige von seinem bisherigen Lebensweg und was eine Fahrradwerkstatt alles bewirken kann.

Wie war deine erste Zeit in Wien?

Der Anfang war schwer. Ich kam im Dezember 2015 von Afghanistan über mehrere Länder nach Wien. Diese Reise hat ca. einen Monat gedauert. In der ersten Woche war ich orientierungs- und obdachlos. Ich wusste nicht, wohin. Meine deutlichste Erinnerung ist, dass es eisig kalt war. Manchmal habe ich ein warmes Plätzchen gefunden und konnte schlafen, aber das war selten.

Wie ging es weiter?

Zunächst wurde ich in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht und habe dort eigenständig angefangen, Deutsch zu lernen. So habe ich es allein bis Level A1 gebracht, danach habe ich regelmäßig Deutschkurse besucht. Mir war klar, wenn ich hier bleiben und das Beste aus meiner Situation machen will, muss ich gut Deutsch können. Nach einiger Zeit zog ich um – in eine Flüchtlingseinrichtung von Obdach Wien. Dort konnte ich zur Ruhe kommen.

Was hat sich bei Obdach Wien für dich geändert?

Meine Zukunftsaussichten und mein Alltag! Ich wollte nachmittags nach dem Deutschkurs und den erledigten Hausaufgaben nicht nur rumsitzen, sondern freiwillig arbeiten. Darüber habe ich mit Florian, einem Betreuer in der Unterkunft, gesprochen. Er hat mir von der sozialen Radwerkstatt, der Bike Kitchen, erzählt. Ich durfte dort gleich mitarbeiten!

Was hast du in der Bike Kitchen gemacht?

Ich habe bei null angefangen. Also habe ich alles gelernt über Radreparaturen, den Arbeitsalltag in einer Werkstatt, das Miteinander im Team und Arbeitsrecht. Und natürlich habe ich ein großes Werkzeugvokabular aufgebaut und mein Deutsch täglich verbessert. Mein Alltag hat damals aus Deutschkurs am Vormittag und Räder reparieren am Nachmittag bestanden. Am Liebsten war mir der KundInnenkontakt in der Radwerkstatt.

Was bedeutet die Bike Kitchen für dich?

Sie war mein erster Schritt in eine gute Zukunft. Ich hatte dort Beschäftigung, ein Team, eine Weiterbildung und die Möglichkeit Deutsch zu üben. Sie war auch die erste Kontaktmöglichkeit zu WienerInnen. Außerdem hat mir Florian dabei geholfen, eine Lehre zu bekommen. Mittlerweile bin ich im zweiten Lehrjahr bei R.U.S.Z. und werde zum Elektroniker, Informations- und Telekommunikationstechniker ausgebildet. Ich habe Arbeit, das bedeutet mir viel und ist eine große Chance.

Was hat sich verändert, seit du in der Bike Kitchen begonnen hast?

Alles! Als Flüchtling ohne Arbeit habe ich 200 Euro pro Monat bekommen, das war wenig, um davon Essen, Öffi-Tickets usw. zu zahlen. Außerdem habe ich mich unnütz gefühlt. Durch die Bike Kitchen hatte ich Beschäftigung und Taschengeld. Dadurch ist mein Selbstbewusstsein gestiegen. Geld selbst zu verdienen und nützlich zu sein, ist viel besser, als einfach nur Geld zu bekommen. In der Lehre beziehe ich zum ersten Mal ein echtes Gehalt. Mein Selbstwertgefühl, mein Wissen und meine Deutschkenntnisse sind seit meiner Zeit in der Bike Kitchen stetig gestiegen. Ich fühle mich heute stärker und eigenständiger.

Außerdem kann ich nun Räder reparieren, das ist an sich schon ein Beruf mit Zukunft angesichts der Klimaproblematik. Und auch Elektroniker ist ein hervorragender Beruf. Das verdanke ich alles der Bike Kitchen!

Was machst du in deiner Freizeit?

Ich treffe Freunde, gehe zu Veranstaltungen und sehr gerne tanzen. Ich mag Abwechslung. Aber oft repariere ich auch in meiner Freizeit etwas, für Freunde oder als Freiwilliger. Es macht mir einfach zu viel Spaß, als es nur in der Arbeit zu machen!

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass ich in Österreich bleiben und bei R.U.S.Z. weiterarbeiten kann. Aus etwas Kaputtem etwas Schönes und Funktionierendes zu machen, ist der beste Job. Ich glaube, wenn man hart arbeitet, schafft man alles. Daher gebe ich jeden Tag mein Bestes!


Portrait Sepp Eisenriegler

„Mortesa ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration und ein Techniker, wie wir ihn dringend brauchen. Er weiß sich immer zu helfen und kann praktisch alles reparieren. Die Bike Kitchen hat ihn sehr gut vorbereitet. Er passt perfekt ins Team, hat einen wunderbaren Kundenumgang und ich bin höchst zufrieden mit seiner Arbeit. Ich wünsche mir, dass er bis zur Pension bei uns arbeitet!“ Sepp Eisenriegler (Geschäftsführer R.U.S.Z.)

Über die Einrichtungen der Flüchtlingshilfe bei Obdach Wien

Obdach Wien betreibt mehrere Einrichtungen für Flüchtlinge wie die Grundversorgung Obdach Favorita, wo geflüchtete Erwachsene, Familien und Alleinerziehende Schutz, Unterkunft und Betreuung finden. Im Obdach Handelskai leben geflüchtete Familien und Alleinerziehende bis zum Ausgang ihres Asylverfahrens in eigenen Wohnungen.Hinzu kommt die Bike Kitchen Favorita, wo Menschen mit Fluchthintergrund zu RadexpertInnen ausgebildet werden.